Mein Großvater begann ungefähr zwei Wochen vor Heilig Abend im kleinen Wohnzimmer unseren Christbaum aufzubinden. So nannte man früher die Bezeichnung für das Schmücken des Christbaumes. Wie mein Großvater es schaffte, die große, bis an die Decke reichende Tanne unbemerkt in das Zimmer zu bekommen, war mir immer ein Rätsel.

Mit einer unglaublichen Hingabe und Liebe zum Detail wurde der Baum mit allerlei Zuckerwerk, herrlichen, bunten Kugeln, Glöckchen, Glasfiguren, kleinen Engeln, Lametta und über 100 echten, weißen Kerzen geschmückt. Der Höhepunkt aber waren die „Sternchenschmeißer“, wir sagen heute Wunderkerzen, die zusätzlich rund um den Baum angebracht wurden.

Foto: Gabi Eder / Pixelio.de

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Meine Cousine, die ein Haus weiter wohnte, kam während dieser Zeit immer zu uns rüber und wir versuchten durch das Schlüsselloch einen Blick auf unseren Baum zu erhaschen, aber wir konnten meist nicht viel erkennen. Ich fieberte diese zwei Wochen immer aufgeregt dem „Heiligen Abend“ entgegen und mein Herz überschlug sich jedes mal, als sich die Türe endlich öffnete.

Es war wie im Märchen

Alle Kerzen beleuchteten diesen traumhaften Baum und als dann die Wunderkerzen anfingen, ihre silbernen Funken in alle Seiten zu sprühen, bin ich meistens in die Knie gegangen. Ein einheitliches „Ohhhhh“ erfüllte den Raum, „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde gesungen und wir waren glücklich. Mit glühenden Wangen habe ich die Geschenke geöffnet. Meist ein Spielzeug, das man sich innig gewünscht hatte und etwas Hübsches zum Anziehen. Einen neuen Schal oder eine warme Mütze.

Foto: Falco / pixabay.com

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Ich erinnere mich auch noch gut an den Weihnachtsteller, den es dazu gab, mit feinen Plätzchen, Nüssen, Äpfeln und einer Orange. Spät Abends gingen wir dann glücklich und zufrieden in die Mitternachtsmesse. In unserer Wohnküche hatte mein Großvater auch immer ganz stolz sein selbst gebasteltes Kripperl aufgebaut, das wir aber nur ansehen durften. Die Figuren anzufassen, war tabu. Dafür durften wir jeden Tag zwei bis drei süße Leckereien vom Christbaum aussuchen und mein Opa hatte sie bedacht und mit Ehrfurcht vom Bindfaden geschnitten. So war das früher, bei uns, am Heiligen Abend.

Für mich eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen, die ich auch später fortführen wollte. Meinen Kindern und auch vielen anderen Leuten habe ich dieses wiederkehrende Weihnachtserlebnis öfters mit leuchtenden Augen erzählt. Mehrere Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Es gab viele schöne Weihnachtsabende im Kreis unserer Familie, aber auch einige, die mich sehr nachdenklich stimmten. So manches Mal habe ich mich dem Kommerz und Kaufrausch vor Weihnachten hingegeben. Viel zu viel unter den „Gabentisch“ platziert und vor lauter Deko, Christbaum und Geschenken wäre beinahe das Wichtigste in den Hintergrund geraten.

Foto: Rike / pixelio.de

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Letztes Jahr bin ich auf einen „Impuls zum Nachdenken“ von Paul Roth gestoßen, der nur zu gut beschreibt, was aus Weihnachten geworden ist: „Herr, rette Weihnachten! Wir bringen es nicht fertig. Wir rennen und kaufen, schmücken Christbäume und singen „Stille Nacht“. Aber das Geheimnis vom Sohn Gottes, der Mensch geworden ist für uns, ist nur noch Dekoration….“ Paul Roth prangert an, wie kommerziell und konsumgetrieben das Weihnachtsfest geworden ist. Er plädiert dafür, dass wir das Fest als „ein heiliges Fest feiern“, das uns zum Nachdenken und zum neu anfangen ermutigt. „Erst dann können Geschenke Zeichen der Liebe, Hinweis auf deine Liebe sein,“ betet Roth. „Herr rette Weihnachten! Rette uns! Denn darum bist du doch Mensch geworden.“

Ja, das wünsche ich uns allen, dass wir Weihnachten feiern und Jesus entdecken. Denn mit Weihnachten verbinden uns nicht nur schöne Kindheitserinnerungen, sondern dass der lebendige Gott uns liebt und uns Licht und Frieden bringt.

Euch allen ein gesegnetes, friedvolles Weihnachtsfest und ein glückliches, zufriedenes Neues Jahr.

Gabriele Emmerling

Fotos: Gabi Eder / Pixelio.de; Falco / pixabay.com; Rike / pixelio.de